JOSEF ERNST KÖPPLINGER Regisseur - Intendant
  Home      Biographie       Produktionen       Downloads       Kontakt     
Interviews

•  Ich halte nichts von starken Sprüchen
    Profil – 3. 1. 2011
, Interview Karin Cerny

» The stage is yours
    Im Spannungsfeld von Politik und Medien
    Weekend Magazin – 15. 5. 2010


» Zwischen Diplomatie und Aufklärung
    Ljubisa Tosic sprach mit Köpplinger über seine
    Theaterauffassung und den Umgang mit der Kärntner Politik.
    DER STANDARD, Printausgabe, 5. / 6. 1. 2010


» Josef E. Köpplinger im Gespräch mit Heinz Wallner
    Musicals 8 / 1999


» Theater - Für wen? Video
    Josef E. Köpplinger im Gespräch
    mit Christoph Wagner-Trenkwitz.
    Stadttheater Klagenfurt, 16. 8. 2007



Ich halte nichts von starken Sprüchen
Profil, 3. Januar 2011, Interview Karin Cerny

Josef E. Köpplinger, Intendant des Klagenfurter Stadttheaters, über die Schwächen der Kärntner Kulturpolitik, linksintelektuelles Publikum und seine Kritik am Regietheater.

profil: Laut Kulturbericht gab es Ende der neunziger Jahre in Kärnten 14 freie Theatergruppen, mittlerweile sind es nur noch vier. Was läuft da falsch?

Köpplinger: Ich glaube, diese Kürzungen sind im Off-Bereich ein allgemeiner Trend. Sie haben nur zum Teil mit der Finanzkrise und viel mehr mit dem mangelnden Bewusstsein der zuständigen Politiker zu tun – was kein Kärnten-spezifisches Phänomen ist.

profil: Also stimmt der Eindruck nicht, dass Volkskunst und Kommerzielles in Kärnten wichtiger zu sein scheinen als alternative Kultur?

Köpplinger: Leider doch. Aber die Kärntnerinnen und Kärntner haben eben das zu vertreten, was sie gewählt haben. Ich kann als Leiter des Klagenfurter Stadttheaters nur versuchen zu verhindern, dass auch die Hochkultur weg rationalisiert wird.

profil: Von 20 Prozent Kürzungen war die Rede. Wie viel wird nun konkret gespart?

Köpplinger: Ein Fünftel war nie realistisch, aber zehn Prozent standen ernsthaft im Raum. Das ist Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass im Theater 80 Prozent Fixkosten anfallen. Damit hätten wir die Hälfte unserer Produktionen streichen müssen. Da kann man das Theater gleich schließen. Wir haben uns auf 300.000 Euro weniger geeinigt. Unser Dramenwettbewerb fällt daher weg.

profil: Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler hat Theater mit Fußball verglichen, er meinte, man müsse eben in beiden Bereichen sparen.

Köpplinger: Dieses unqualifizierte Statement habe ich deutlich kommentiert, aber nun ist der Fall für mich erledigt. Ich bin ein völlig unparteiischer Mensch. Warum haut man immer auf Kärnten hin? Kunst muss frei sein – aber überall beobachte ich Freunderlwirtschaft. Da unterscheiden sich Provinz von Hauptstadt und die Rechte von der Linken nicht wesentlich. Dabei sollten die Qualifikationen ausschlaggebend sein.

profil: Apropos Qualifikationen: Der Kärntner Landesrat Harald Dobernig meinte, er lese prinzipiell keine Bücher.

Köpplinger: Dieses Desinteresse an Kunst und Kultur ist doch flächendeckend. Was regt mich mehr auf: dass Herr Dobernig sich eher für Volkskultur und Finanzen begeistern kann – oder dass Bundesministerin Claudia Schmied, seit ich 2006 Intendant bin, kein einziges Mal am Klagenfurter Stadttheater war?

profil: Reagiert Ihr Theater auf Kärntens Politik?

Köpplinger: Wie die letzten Wahlen gezeigt haben, hat die Sozialdemokratie in diesem Land versagt. Die Wahlwerbung in Kärnten betonte immer nur: damit nicht alles orange wird. Als ob das einen Mindestverdiener interessieren würde. Dieser interne Hickhack geht an der Realität der Menschen völlig vorbei. Da setzen wir im Theater an: Als die Alpe-Adria-Sache aufflog, nahmen wir „Die Krönung der Poppea“ und „Die Dreigroschenoper“ in den Spielplan – zwei Stücke über Machtmissbrauch.

profil: Ihr Vorgänger Dietmar Pflegerl meinte, jeder Theatermacher müsse im Widerstand zur Gesellschaft stehen. Sein verbaler Clinch mit Jörg Haider war legendär. Sie kommentieren Politisches kaum.

Köpplinger: Ich halte nichts von starken Sprüchen. Mir ist es wichtiger, Ansagen von der Bühne her zu setzen. Was ist denn, wenn man als linksintellektueller Künstler nur linksintellektuelle Produktionen macht? Dann kommt auch nur ein linksintellektuelles Publikum. Ich bin immer an die Öffentlichkeit gegangen, wenn die Kulturpolitik versagt hat. Wenn sie unter die Gürtellinie gegriffen hat. Aber doch nicht, um meine persönliche Eitelkeit zu befriedigen! Mir ist es wichtig, dass das Klagenfurter Stadttheater gesichert in die Zukunft blicken kann.

profil: Warum verlassen Sie Klagenfurt dann schon wieder und gehen nächstes Jahr nach München, um das Staatstheater am Gärtnerplatz zu übernehmen?

Köpplinger: Würden Sie die „New York Times“ oder etwas Ähnliches ausschlagen? Der Job ist eine Herausforderung. Mich haben die Gespräche mit den Politikern in München überzeugt: Die wussten viel über meine Arbeit und wollten mich. Dort stehen die Politiker zu ihren Entscheidungen. Hier will niemand Farbe bekennen, deshalb gibt es überall Gremien.

profil: Sie sitzen doch gerade selbst gemeinsam mit Burg-Chef Matthias Hartmann, Ex-Staatsopern- direktor Ioan Holender und anderen in einem Gremium, um Ihren eigenen Nachfolger zu bestimmen.

Köpplinger: Was ich eigentlich nicht wollte. Ich sehe mich eher im Hintergrund, weil ich das Haus sehr gut kenne. Ich war erstaunt über die Anzahl der Bewerbungen: 90 Kandidaten meldeten sich. Nach zwei Hearings mit dem Theaterausschuss wird es bis Ende Jänner sicher eine Nachfolge-Entscheidung

profil: Wie ist die Qualität der Einreichungen?

Köpplinger: Es gibt mutige Konzepte – aber oft von Leuten, die keine einschlägigen Erfahrungen vorweisen können. Es haben sich aber auch viele international renommierte Theatermacher, die bereits Häuser leiten, beworben. Mehr kann ich dazu
nicht sagen.

profil: Dietmar Pflegerl hat …

Köpplinger: Ich beantworte keine Fragen mehr, in denen Pflegerl vorkommt. Ich bin jetzt das vierte Jahr da, ich möchte nicht mehr verglichen werden. Das habe ich nicht nötig – und er auch nicht.

profil: Ihr Vorgänger hat Martin Kusej als Regisseur früh arbeiten lassen. Wen haben Sie entdeckt und gefördert?

Köpplinger: Daniela Fally hat bei uns ihre erste Zerbinetta gesungen, Edith Haller, die Bayreuth-Primadonna, ihre erste Ariadne. Wir haben mit Peter Lesiak einen Kärntner zum Musical-Star gemacht.

profil: Sie haben stets Ihre Leidenschaft für Operette und Musical betont. War das nicht auch Anbiederung?

Köpplinger: Wenn ich mir Stücke anschaue, die am Burgtheater gespielt werden, denke ich mir mitunter: Das sind zwar zeitgenössische Autoren, aber sie machen oft auch nicht mehr als Boulevard. Ich bin es leid, Operette und Musical verteidigen müssen. Unser Problem ist, dass wir viel zu verkopft sind und unfähig, mit guter Unterhaltung umzugehen. An der Wiener Volksoper findet man genug gelungene Versuche, dieses Genre am Leben zu halten.

profil: Aber Musicals sind doch in der Regel nicht sonderlich tiefgründig.

Köpplinger: Dieses Schubladendenken gibt es nur hier, in London und New York ist das ganz anders. Als ich an der Lee Strasberg-Schule war, haben wir an einem Abend Musical gespielt und am nächsten Morgen „Hamlet“ geprobt. Bei uns liegen da Welten dazwischen.

profil: In den USA gibt es ja auch kaum Regie- theater, dafür eine ausgeprägte Dienstleistungs- haltung.

Köpplinger: Es ist ein anderes System, aber ich habe auch am Broadway Regietheater gesehen – falls mir überhaupt jemand erklären kann, was Regietheater sein soll. Ist das jenes Theater, bei dem die Rezensenten vier Spalten über den Regisseur und sein Konzept schreibt und nur eine über die großartige Besetzung?

profil: Sie teilen also die Kritik am Regietheater?

Köpplinger: Ehrlich gesagt, in manchen Dingen ja. In Frankreich schämt man sich nicht für seine Tradition. Man ist sich nicht zu gut, Molière im alten Kostüm zu spielen. In Österreich zieht man gar nicht in Erwägung, einen Nestroy original zu spielen, weil man denkt, man müsse es anders machen, sonst sei man nicht in. Ich galt früher auch als Bilderstürmer und Zerstörer. Ich wollte aber schon damals nicht zerstören, sondern immer etwas erzählen.

profil: Darin liegt doch die Stärke von guter Regie: Man findet einen gegenwärtigen Zugang zu alten Stoffen und zeigt, dass sie noch mit uns zu tun haben.

Köpplinger: Wenn mich eine Geschichte interessiert, will ich auch die historische Dimension verstehen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Jeder hat das Recht, ein Stück zu zerstören. Aber ich verlange eine ehrliche Haltung zum Text. Es darf nicht darum gehen, einen Skandal provozieren zu wollen.

profil: Sie haben Peter Turrini einen Stückauftrag erteilt. Was schätzen Sie an ihm?

Köpplinger: Er hat eine unglaubliche Theaterpranke. Und ihm gelingt dieser schwierige Spagat zwischen Philosophie und Volksnähe. Für mich steigt er direkt in die Nachfolge von Nestroy und Raimund.

profil: Die sind doch viel bissiger als Turrini.

Köpplinger: Kommt auf das Stück an. Unsere Turrini-Uraufführung „Silvester“ zeigt drei einsame Menschen, die im Dunklen der Gesellschaft leben. Das Stück ist aber, bei aller Härte, mit Liebe und Poesie gemacht. Deshalb gehe ich ins Theater: Ich will verzaubert werden.
 
© 2007 - 2012   by Josef E. Köpplinger   Impressum