Gespenstischer Tanz am Rande des Abgrunds
Erfolgreiche Premiere im Stadttheater:
Josef E. Köpplinger inszeniert das Musical "Cabaret"
...doch nach der opulenten Fülle und Drastik der ersten Szenen gewinnt Köpplingers Inszenierung zunehmend an Schärfe. Aus der Konfrontation von schriller Nachclub-Glitzerwelt und politischer Wirklichkeit entstehen beklemmend eindringliche Bilder. Dann klingt ein Song wie "Tomorrow belongs to me" wie eine wirklich Bedrohung.
Köpplinger kämpft gegen das übermachtige Vorbild des berühmten Liza-Minelli-Films an. Er läßt das Tingeltangel-Mädchen Sally nicht zur allein dominierenden Figur werden, sondern schenkt auch der tragischen Romanze zwischen Fräulein Schneider und Herrn Schultz besondere Aufmerksamkeit.
Auch bei der Figur des Conferenciers sucht Regisseur Köpplinger konsequent nach einer eigenen Interpretation. Mit Harald Hofbauer steht ihm ein Musical-Routinier zur Verfügung, der sich vom üblichen Rollen-Klischee freimachen kann, der nicht auf dämonisches Gehabe setzt, aber dennoch die abgründige Atmosphäre, diesen Tanz auf dem Vulkan, spürbar werden läßt.
Regisseur Köpplinger ist es geglückt, aus einer riesigen, bunt zusammengewürfelten Darstellerschar - Ballet, Sänger, Schauspieler und sogar Laien sind hier vereint - ein treffliches Ensemble zu bilden, das willig der Phantasie des Regisseurs und dessen Spaß am Ausmalen der schwülen Halbwelt-Atmosphäre gefolgt ist.
Mittelbayerische Zeitung, 10 / 1995
