Regensburg [1992]

Bei Josef Köpplingers "Anatevka"-Inszenierung ist das anders: Da ist die Gemütlichkeit Lebenslüge, bestenfalls: Überlebens- Vitalität der Verfolgten, die zusammenrücken und eine schwierige Solidarität bewahren. Da herrscht Pogrom-Stimmung im "Schtetl". Ein Kommentar zu Rostock, Hoyerswerda zum Glatteis in den Hirnen und zu den Eisbergen im großdeutschen Herz? Ja, und zwar im überaus heiklen Metier des Polit-Entertainments. ... Köpplinger "erzählt" nicht monoton, sondern listig. Er gestattet das leise ironische Schwelgen in den "alten Tönen". Er zeichnet liebevoll und detailliert das jüdische Alltagsleben und seine Charaktere. ... Und er schafft es, in diesem Genre ja nicht ganz einfach, "Auschwitz " als Menetekel - das uns heute wieder mehr angeht denn je in den letzten Jahrzehnten! - aufscheinen zu lassen. ... Ein politisches Stück also (recht gewitzt!). Aber auch und vor allem wie immer bei Köpplinger, pures Entertainment. Das das zusammengeht, daß es nicht am Ende als Obszönität erscheint, darin eben bestehen die Raffinesse und der Takt dieser Inszenierung.
H. Hein, Die Woche
Die Regensburger Spielzeit begann mit drei Erfolgen. Hier ist der vierte! Der bewährte Musicalhaudegen Josef Köpplinger hatte viel Zeit, um sein neuestes Regiewerk vorzubereiten. Diese Zeit bescherte ihm Lorbeeren. ... Der Regisseur hat die Geschichte mit Einfühlungsvermögen in unerbittlicher Arbeit und mit deutlichen Signalen auf die aktuelle Situation gelost.
W. Freitag

...Doch nicht so bei Josef Köpplingers Neuinszenierung in Regensburg! Er führt uns ein Zeitstückvor, das uns alle (und gerade jetzt) unmittelbar angeht. ... Köpplingers Verdienst ist es, die Geschichte auf die Gegenwart zu beziehen, ohne deswegen die Assoziationen mit dem Holzhammer aufzutischen. ... Schon nach den ersten Bewegungsabläufen wurde klar, daß es Köpplinger um ein dramatisches Theaterstück und nicht um ein unterhaltsames Geplänkel ging - spätestens nach dem ersten Auftritt der Soldaten, die mit ihren stilisierten (nicht konkretisierten) SS-Mänteln und ihren harten, kantigen Gesichtern jäh die heitere Stimmung unter den jiddischen Dorfbewohner zum Erstarren brachten. Köpplingers Personenführung war durchweg logisch und klug durchdacht; positiv auch, daß er die Tanzszenen in den Spielverlauf nahtlos zu integrieren vermochte, so daß sie nicht ins Operettenhafte abgeglitten sind.
Das Bindeglied zur heutigen Zeit gelang Köpplinger in der Figur des Fiedlers, bei ihm eine fiktionale, grau maskierte Gestalt, die ihre Maske erst zur Verreibung abnimmt, um zu betrachten, was von Anatevka noch übriggeblieben ist. Las Liedjenes Fiedlers ist für den Regisseur "Das Spiel, bevor die letzte Sonne untergeht", es erweckt "Bilder aus alter Zeit, die uns erschrecken lassen, Bilder, die uns sagen lassen 'nie wieder', Bilder, die uns Fragen lassen, 'warum' Bilder aus naher Zeit erwachen und werden Wirklichkeit" Der junge Regisseur hat es verstanden, seinen Worten im Programmheft auf der Bühne Taten folgen zu lassen."
kpr
